Röhren für Kinder

22. Juni 2020

An Sonnensonntagen guckt abends jemand auf die Uhr und ruft, dass das ja wohl nicht wahr sein kann, und dass jetzt aber alle schleunigst in die Koje müssen. 

An dunklen Regensonntagen rufe ich das manchmal schon gegen elf, aber die Kinder kennen den Trick. Darum war ich heute trotzdem draußen, im strömenden Regen, mit dem kleinsten Kind.

Am schönsten Ort, der mir für dieses Unterfangen eingefallen ist. 

Dort gibt es Röhren, in die man krabbeln kann. Röhren für Kinder, die sich an schönen Tagen gegenseitig brüllend hindurch jagen, aber heute waren nicht viele da. "Komm schon", hallte die kleine Stimme aus der klammen Dunkelheit, also kroch ich hinein. 

Der Regen hatte alles nass und glitschig gemacht, ich kam schlecht voran und war froh, als der Tunnel in einen metallgitternen Schlauch überging, der sich über eine kleine Kiefernlichtung wand. 

Aber nur ganz kurz.

Unter dem Schlauch stand eine vielköpfige Familie und sah zu mir rauf. Ich arbeitete mich über ihren Häuptern entlang, ein verzweifelter Wal, vor und zurück glibbernd wie ein Stück Seife.

Jemand hob sein Handy,

und aus der Ferne rief mein Kind hoffnungsvoll, dass gleich eine Brücke kommt, für die ich nicht zu dick bin. Und dass es ansonsten Hilfe holt.

Also, ich bin jetzt wieder zu Hause.

Und in Gedanken bei all den anderen Elternteilen, die wie ich meistens allein mit den Kindern umherziehen.

Es ist Regensonntagabend.

Kann sein, dass wir gerade auf YouTube viral gehen, und dass fremde Leute unter unser Video Dinge schreiben wie OMG, WAS ZUM TEUFEL IST DAS?!? oder TÖTET ES, BEVOR ES EIER LEGT.

Aber, hey: Wir haben es geschafft!

 

Und morgen scheint wieder die Sonne.

 

 

 



Gehasst werden

18. Juni

Ich habe mir deine Missgunst vor Jahren eingezogen wie einen Splitter, und da steckt er nun in mir und tut schon gar nicht mehr weh. Ich kann ihn sehen, dunkel schimmert er unter meiner Haut. Wenn es kälter wird, spüre ich ihn. 

Vermutlich ist auch etwas von mir unter deine Haut gefahren, rumort, ich habe es versucht zu entfernen, es ist schlimmer geworden. 

Es geht nicht um uns, wir tragen anderes aus. 

Ungesagtes, unerhörtes.

Etwas aus den alten Reihen, etwas tief aus uns selbst, erstarrt in einer Zufriedenheit, die den Verlust ihrer Gültigkeit verpasst hat. 

So viele Splitter unter dünner Schicht. 

Hass ist ein dreckiger, peinlicher Schmerz.

Man muss sich nur ausmalen, wie man sich unvermeidlich begegnet und dann nicht weiß, wohin mit dem Glas, dem Blick und dem Körper. 

Man muss doch um Versöhnung bemüht bleiben.

Muss man? Auch wenn jeder Schritt mahlt und knarzt über der höflichen Lüge?

 

Noch heute könnte ich beschließen, dir einen Gefallen zu tun:

ganz klein könnte ich mich machen, um mich sauber gefaltet in die von dir für mich vorgesehene Schublade quetschen zu lassen. 

Ich wäre unglücklich, und endlich hätten wir etwas gemeinsam. 

Etwas in mir flüstert, dass deine Missgunst bleiben würde.

Darum bleibe ich da, als ich selbst, voller Fehler. 

Bestrebt, meinen eigenen Platz in der Welt zu behaupten, um nicht meinerseits Splitter und Verletzungen weiterzugeben. 

Das ist mein großer Auftrag,

so nichtig er dir erscheinen mag.

Komm zu mir, wenn du erzählen willst, ehrlich und von dir selbst. Bis dahin:

 

ach, hass mich doch in Ruhe.

 



Murmel

9. Juni 2020

Heute war kein guter Tag. Aber Abends: das kleinste Kind hat eine blaue Murmel in Papier gewickelt, die Glitzerhandtasche geschultert und will in den Supermarkt. Es ist dringend. Ich brauche noch was, also los. Zwei Gläser Erbsen und eine Tüte Puffreis später zeigt sie auf eine Kassiererin, die ich nicht kenne. Als wir bei ihr angekommen sind, schiebt ihr eine kleine Hand die glänzende blaue Murmel hin. Die Frau hebt kurz den Kopf, beide nicken sich ernst und wortlos zu. Dann schiebt die Kassiererin eine große Rosenblüte zurück.

Wir gehen.

 

Heute war kein guter Tag,

aber etwas Hartes, zu Schnelles, dumpf im Kreis Stapfendes verschwindet aus mir.

Solange die kleinen Tauschgeschäfte funktionieren, sind die großen Sachen in Ordnung.

Oder?



Freundinnen

11. Juni 2020

In letzter Zeit betrete ich aus Versehen Fettnäpfchen und Schlipse, meistens dann, wenn ich etwas besonders gut machen wollte. Auf magische Weise misslingt fast alles! Mitten im Vollzeitmissgeschick hat mir eine Freundin, mit der ich aufgewachsen bin, vom Tod ihrer Mutter erzählt. Es traf mich wie ein Blitz, ich hätte sie so gerne gedrückt, aber sie wohnt weit weg. Also schrieb ich ihr einen Brief, im Auge der verwüsteten Küche. Und wo ich schon mal Platz gemacht hatte, auch noch einen an eine Freundin mit Geburtstag: um mich selbst aufzuheitern mit einem nackten Mann, der Unaussprechliches mit einer Sahnetorte vollzieht. Dann kam ein Kind auf meinen Schoß, das Telefon klingelte, die Katze verlangte nach Essen, etwas fiel um und machte Strumpfhosen nass. Geschrei.

Und so ist es passiert, dass ich die Adressen vertauscht habe. Den Trostbrief an die Freundin mit dem Geburtstag, den nackten Sahnemann an die Traurige. Am nächsten Tag schickte mir die Geburtstagsfreundin eine SMS mit dem Hinweis auf das offensichtliche Missgeschick. Ein zweiter Blitz des Entsetzens durchfuhr mich. Ich war mir sicher, die Freundin mit der gerade gestorbenen Mutter durch unverzeihliche Schussligkeit verloren zu haben. Gerade kam eine Nachricht von ihr:

Kann es sein, dass du Briefe vertauscht hast? Ich hab' gerade zum ersten Mal seit drei Wochen wieder gelacht. Meiner Mutter hätte dein Versehen so gut gefallen. Danke! Deine alte Freundin Y.

 

Das Leben macht oft nicht an den Stellen froh, wo man auf Freudigkeiten wartet. Zum Glück aber auch umgekehrt!