Sichern Sie sich!

20. September 2020

Helga muss die Lesebrille aufsetzen, um dem Kleingedruckten unter der Knackfrischegarantie beizukommen.

JETZT GEWINNCODE HOCHLADEN UND ATTRAKTIVE RETRODOSE SICHERN!, steht auf der gelbblauen Kekspackung, und vor Aufregung knistert sie ein bisschen damit. Dann lädt sie unverzüglich den Code hoch, und zwei Wochen später wird sie stolze Inhaberin einer Dose aus limitierter Auflage. Gratis!

Wie der Teigschaber, den sie sich bei der Krankenkasse gesichert hat, der Flaschenöffner vom Katastrophenschutz und das Seifenschälchen aus der Apotheke. Im Supermarkt tauscht sie Treuetomaten ein und sichert sich eine Geflügelschere von so großer Formschönheit, dass sie völlig vergisst, dass sie gar keine braucht.

Auch der gesicherte Party-Eierschneider, der gesicherte Butterstempel, der gesicherte Zwiebelzopf, naja.

Aber was wäre das für eine Welt, in der es nichts mehr zu sichern gäbe?

Haltlos würde sie durchs All treiben, weiß Helga, und sichert sich einen personalisierten Müslinapf.

Als es ihr eines Tages nicht mehr gelingt, die Haustür aufzustoßen, weil sie von einer Lawine aus Nackenhörnchen, Lavendelsäckchen und praktischen Dosensets zugehalten wird, ruft sie bei den Stadtwerken an. 

Könnte ich eine größere Mülltonne haben?, keucht sie ins Telefon. Ich brauche Platz!

Sicher, sagt eine freundliche Stimme.

Und Helga, erleichtert und glücklich, sichert sich eine.

 



Taunus

17. September 2020

Während alle Welt damit zugange ist, in närrischer Einfalt irgendeinem flüchtigen Glück nachzujagen, bezog meine Uroma Johanna tiefe Seelenruhe aus dem zuverlässigen Eintreffen abscheulicher Begebenheiten.

Eingekeilt zwischen einer sargförmigen Standuhr und anderem Dunkelholzgemöbel erwartete sie mich, vor sich eine offene Keksdose und ein Stapel sorgsam ausgeschnittener Zeitungsartikel.

So viel passiert zwischen Sonntag und Sonntag:

man hatte ein altes Ölfass gefunden und darin einen Rentner, erwürgt, nein, erdrosselt mit seinen eigenen Hosenträgern, anhand derer er identifiziert werden konnte.

Man hatte eine verwirrte und von unzähligen Mückenstichen entstellte Frau aus einem Hochsitz mit umgekippter Leiter befreit.

Man hatte ein Auto aus einem Morast gezogen.

All das, sagte Johanna, mit geweiteten Augen tief über den Zeitungsausschnitten schwebend, sei im Taunus geschehen. 

Wie immer, flüsterte sie, und gefesselt von ihrem echsenhaften Hauch und den Spritzkeksen mit Schokolade vergaß ich zu fragen, wo und was der Taunus eigentlich sei.

Mein Kinderkopf fand Bilder:

ins Nichts führende Schotterwege, bedrohlich wogende Fichten, heimtückisches Grün. Ganze Pfadfindergruppen stapften pfeifend hinein und nie wieder hinaus.

Der Taunus konnte überall sein.

Der Taunus war schrecklich.

Bis ich eines Tages eingeladen war, mit meiner Freundin Bärbel in die Pilze zu gehen.

Wohin fahren wir denn?, fragte ich, wippend vor Aufregung.

In den Tauuuuu-nussss, sang Bärbels Vater, aus dessen Hosentasche ein Messer ragte, und schlug lachend die Autotür zu.

Die Fahrt über starrte ich in mein Körbchen, in meinen Ohren toste der Westminsterschlag der Standuhr.

Mit uns fuhr jede Hoffnung dahin, aber siehe:

so steif und todesergeben ich am Ziel aus dem Auto stieg, so fröhlich hopste ich kurze Zeit später über helle Lichtungen.

Spaziergänger, die wir trafen, winkten und wankten unter der Last ihrer Pilzbeute,

niemand schickte sich an, eine Leiche ins Dickicht zu wuchten.

Der Taunus ist ist von großer Schönheit,

vom Himmel aus sieht das auch Johanna.

Wie muss sie sich wundern!

 

Ich wünschte, sie hätte darauf verzichtet, in ihrer kleinen, stickigen Wohnung auf die Zeitung unter dem Türschlitz zu warten. Ich wünschte, sie hätte die wohlige Furcht vor der Welt nicht gewinnen lassen.

Ich wünschte, sie hätte den Mantel vom Haken genommen und wäre losgezogen, um ihn staunend mit eigenen Augen zu betrachten:

den Taunus, den unerreichten

Taunus.

 



Das Glas, in dem wir atmen

03. September 2020

Die Freundin meiner Mutter hatte ein fröhliches Apfelgesicht, kurze, schwarze Haare,

eine Vorliebe für bunte Röcke und sieben Kinder. 

Ich war sechs Jahre alt und weiß noch, dass der Sommerhimmel ganz blau war, als sie und ihr Mann mit dem vollgepackten Passat auf den Bordstein vor unserem Haus rumpelten.

"Das erste Wochenende ohne die Affenbande!",

rief die Freundin durchs Fenster, und irgendwo im Auto dröhnte ein vollbärtiges "Hurra!".

Meine Mutter stand auf der Treppe, reckte beide Daumen nach oben, ließ peinlich die Hüften kreisen,

und schon waren sie auf und davon.

Einen Tag später, auf der gleichen Treppe, erzählte mir mein kreidebleicher Papa was passiert war:

auf der Landstraße hatte jemand eine Cassette gewechselt, war ins Schleudern geraten und frontal in den gelben Passat gerast.

Die Freundin meiner Mutter war sofort tot, ihr Mann wenige Tage später, die sieben Geschwister fürs Erste aufgeteilt unter Verwandten.

Ich weiß noch, wie meine Mutter das jüngste Kind der Familie durch unseren Garten schuckelte,

während alle anderen bei der Beerdigung waren.

Hin und her,

vom alten Apfelbaum bis zum Schuppen und zurück,

unendliche Stunden lang.

 

Ich weiß noch, dass sie anfangs gesungen hat.

So lange, bis sich die unablässigen "Mama!"-Rufe der kleinen Marion mit ihrem Schluchzen vermischten.

Ich sehe ihre Gesichter vor mir,

das große und das kleine,

ganz verschmiert von Schleim und Schmerz.

 

Die Bilder sind seit einiger Zeit wieder da,

vielleicht liegt es an der gegenwärtigen Zerbrechlichkeit von allem.

Wie viele sind wir eigentlich, die wir füreinander sind, Familie, echte Freundinnen und Freunde?

Ich zähle nach, es dauert kürzer als früher.

Und ich nehme mir vor, Nachsicht zu üben, so lange bis ich sie auswendig kann.

Keinen unentwegten Gleichklang einzufordern,

wenn vorübergehend alle durcheinander brüllen.

Wenn ebenso mir verziehen werden kann,

wann auch immer das nötig sein wird,

wenn mir gelegentliche Unerträglichkeit gestattet bleibt, wenn ich falsch liegen und nicht richtig ticken darf: dann bin ich Freundin,

so stark und so lange ich nur kann.

 

 



Frau Frauvom

03. September 2020

Man kennt sich in einer kleinen Stadt,

mal mehr und mal weniger, etwas Unterstützung sortiert die Gesichter zurecht.

Einmal ist Anne zu einer Preisverleihung eingeladen, ausnahmsweise kann sie ihr Mann Jochen begleiten, am helllichten Werkvormittag.

Sie freut sich, dass sie ihn, den Unentbehrlichen,  weggelassen haben in der großen Fabrik.

Sie ist stolz, dass der Preis, der heute verliehen wird, ganz und gar ihrer ist.

Die Firma, für die sie gelegentlich arbeitet, wird von einer Frau geführt. Am Ende eines Spaliers aus Stadtoberhäuptern und Pressevertretern steht sie mit einem riesigen Lilienbouquet, biegt mit der freien Hand ein Mikro zurecht und erzählt vom hochdotierten Projekt, dessen Konzept Annes Idee war.

Leider will ihr an der Stelle, wo Annes Name fallen müsste, Annes Name nicht einfallen.

Zum Glück hat Anna Jochen dabei, dessen Name sogar auf einer kupfernen Ehrenbürgertafel im Park vermerkt ist.

So kommt es, dass Anne als "die Frau vom" vorgestellt wird. Ein anerkennendes Murmeln erhebt sich: man sieht ihr die Fabrik gar nicht an,

den Mann auch nicht.

Die Frau vom!

Das klingt doch fast ein wenig adelig, was guckt sie nur so aus der Wäsche?

Am nächsten Tag wird ihr gekränktes Gesicht in der Zeitung zu sehen sein, peinlich berührt wird man blättern.

"Die Frau vom", da hat man doch allen Grund, sein schönstes Lachen aufzusetzen.

Anne lacht, später:

Zu Hause, mit den Kinder, als Jochen längst wieder in der Fabrik ist, gerade noch rechtzeitig zum Montagsmeeting.

Morgen, wenn alle in der Schule sind, falls nachts niemand kotzen muss, wird sie den Flur putzen, den Backofen entkrusten und ein bisschen arbeiten.

Also, richtig arbeiten, nicht das ganze Haushalts- und Familienzeugs.

Es lohnt sich, Hand aufs Mutterherz, meistens nicht.

Wenn bei Kunden durchsickert, wer sie ist,

"die Frau vom" nämlich, vom und zu,

dann werden Jobs regelmäßig zur guten Sache.

Dann dampfen Budgets ein,

schrumpft ihr Honorar zur Aufwandsentschädigung,

befällt ihren eigentlichen Stundensatz eine tödliche Schwindsucht.

Das übrige Trinkgeld reicht für ein Snickers und eine schöne Gartenzeitschrift am Kiosk.

Das ist doch was,

da sollte sie dankbar sein,

Anne Frauvom.

Und ihre Arbeit, die sie immerhin geistig rege hält,

beschäftigt und vor Streifzügen durch teure Boutiquen bewahrt,

freudig verrichten.

 

Oder nicht?



Viele Leben hat die Katze!

01. September 2020

Sieben Leben hat die Katze, 

und eine geheime Anzahl unsichtbarer Schutzschichten bekommt jede Frau, wenn sie Mutter wird. 

Die Schichten schützen nicht nur in zerrupften Nächten, während Elternabenden, auf der Suche nach unauffindbaren Kuscheltieren.

Sondern auch, wenn sehr viel Schlimmeres passiert, und Durchdrehen aufgrund angetretener Elternschaft entfallen muss. 

Das macht sie wahnsinnig kostbar,

mit der Zeit aber tragen sie sich ab.

Eines Tages trifft dich ein kalter Hauch, du willst deine Schutzschicht enger ziehen und findest keine mehr.

Ab jetzt geht dir alles unmittelbar unter die Haut:

wie missbilligend die Frau in der Bahn deinem Kind auf das Edding-Tattoo starrt, 

wie der rotgesichtige Mann hupt und fuchtelt, als du aufgrund eskalierender Ereignisse auf der Rückbank an der Ampel ein klein wenig länger brauchst.

Alles, einfach alles.

Aber gerade, als dich die tiefste aller Müdigkeiten überkommen will, fällt dir der Trick ein:

Mütter, die sich auch um sich selbst kümmern, finden zu neuen Schutzschichten.

Sie legen sich um dich, eine nach der anderen, wenn du ganz dein Ding machst.

Du weißt um die ureigenen kleinen und großen Dinge, die ausschließlich deine sind,

und dass das selbst gemalte Schlumpfdorf an der Kinderzimmerwand eventuell nicht dazu gehört.

Tu, was du willst, nur ab und an, aber mit größter Disziplin. Dann wird es wärmer und wärmer.

Die Freudlosigkeit verfliegt: frag' die missbilligende Frau, ob sie auch ein Tattoo haben will, und sie muss lachen. Entdecke den Rotgesichtigen auf dem Parkplatz hinter der Radarkontrolle. 

Mach' dein Ding, gewinne dich zurück, Schicht um Schicht. 

Sieben Leben hat die Katze, aber die Wahrheit ist:

es sind sehr viele mehr!

Wenn sie nur auf sich aufzupassen versteht.



Wie man sich wiegt

13. Juli 2020

Kurz nach der Geburt meines dritten Kindes ging die Waage kaputt. Eine Zeitlang spielten die Zahlen verrückt, dann pendelten sie sich bei einem Gewicht ein, das mir vorgaukeln wollte ich sei ein mit Bügeleisen behangenes Flusspferd.

Ich stellte sie zum Sperrmüll und verzichtete darauf, ein weiteres so störungsanfälliges Gerät anzuschaffen.

Ungewogene Jahre vergingen, bis ich letzten Samstag aus Langeweile seitlich aus einer Apothekenschlange scherte und ein eisernes Trumm mit altmodischer Gewichtsanzeige bestieg. 

Freudig sprang der Zeiger auf eine Zahl.

Ich erstarrte zur Salzsäule, wankte vor Schreck.

Verlor fast das Gleichgewicht, hielt mich kurz an einem Regal fest und legte dabei meinen Schlüsselbund ab. Der Zeiger vibrierte, ließ von seiner verstörenden Mitteilung und wanderte einen guten Millimeter nach links. 

Ich schöpfte Hoffnung und fuhr aus den Sandalen.

BARRR, sagte der Zeiger.

BARRR bei der leichten Sommerjacke.

BARRR, als ich den Gürtel zog, und BARRR nach Entfernung einiger Bonbons, Glitzersteine und Dietriche aus der Hosentasche.

Dann war es eine Weile lang still.

Ich hörte mich atmen.

Dann fielen Bluse, Jeans und BH, und jeweils mit ihnen der Zeiger.

Haarnadeln, Brille, Ohrringe, Zahnspange.

Eine Frotteeunterhose mit Zierschleife wiegt 200 Gramm, aha, oho.

Erleichtert stieg ich ab.

Beim Anziehen brachte ich die Rechnung zu Ende:

die zuletzt gezeigte Schnörkelziffer minus ca. 4 Kilo für anlagebedingt schwere Knochen.

1 Kilo für den Dutt und andere üppige Behaarungseinheiten.

1 Kilo für eventuelle Nierensteine, Plaque und den nie entfernten Blinddarm.

1 weiteres Kilo für Kleinkram, Fußnägel und aufgetragene Lacke mit Metallpartikeln (!).

Wahrscheinlich maßlos untertriebene 10 Kilo für mein oft so schweres Gemüt.

Ich hörte den Apotheker atmen und verabschiedete mich schweren Herzens vom Ort des Triumphs nüchterner Statistik über tumbe Behauptung.

 

Schweres Herz = minus 1,5 Kilo.

Mein lieber Scholli. Mindestens.



Röhren für Kinder

22. Juni 2020

An Sonnensonntagen guckt abends jemand auf die Uhr und ruft, dass das ja wohl nicht wahr sein kann, und dass jetzt aber alle schleunigst in die Koje müssen. 

An dunklen Regensonntagen rufe ich das manchmal schon gegen elf, aber die Kinder kennen den Trick. Darum war ich heute trotzdem draußen, im strömenden Regen, mit dem kleinsten Kind.

Am schönsten Ort, der mir für dieses Unterfangen eingefallen ist. 

Dort gibt es Röhren, in die man krabbeln kann. Röhren für Kinder, die sich an schönen Tagen gegenseitig brüllend hindurch jagen, aber heute waren nicht viele da. "Komm schon", hallte die kleine Stimme aus der klammen Dunkelheit, also kroch ich hinein. 

Der Regen hatte alles nass und glitschig gemacht, ich kam schlecht voran und war froh, als der Tunnel in einen metallgitternen Schlauch überging, der sich über eine kleine Kiefernlichtung wand. 

Aber nur ganz kurz.

Unter dem Schlauch stand eine vielköpfige Familie und sah zu mir rauf. Ich arbeitete mich über ihren Häuptern entlang, ein verzweifelter Wal, vor und zurück glibbernd wie ein Stück Seife.

Jemand hob sein Handy,

und aus der Ferne rief mein Kind hoffnungsvoll, dass gleich eine Brücke kommt, für die ich nicht zu dick bin. Und dass es ansonsten Hilfe holt.

Also, ich bin jetzt wieder zu Hause.

Und in Gedanken bei all den anderen Elternteilen, die wie ich meistens allein mit den Kindern umherziehen.

Es ist Regensonntagabend.

Kann sein, dass wir gerade auf YouTube viral gehen, und dass fremde Leute unter unser Video Dinge schreiben wie OMG, WAS ZUM TEUFEL IST DAS?!? oder TÖTET ES, BEVOR ES EIER LEGT.

Aber, hey: Wir haben es geschafft!

 

Und morgen scheint wieder die Sonne.

 

 

 



Gehasst werden

18. Juni

Ich habe mir deine Missgunst vor Jahren eingezogen wie einen Splitter, und da steckt er nun in mir und tut schon gar nicht mehr weh. Ich kann ihn sehen, dunkel schimmert er unter meiner Haut. Wenn es kälter wird, spüre ich ihn. 

Vermutlich ist auch etwas von mir unter deine Haut gefahren, rumort, ich habe es versucht zu entfernen, es ist schlimmer geworden. 

Es geht nicht um uns, wir tragen anderes aus. 

Ungesagtes, unerhörtes.

Etwas aus den alten Reihen, etwas tief aus uns selbst, erstarrt in einer Zufriedenheit, die den Verlust ihrer Gültigkeit verpasst hat. 

So viele Splitter unter dünner Schicht. 

Hass ist ein dreckiger, peinlicher Schmerz.

Man muss sich nur ausmalen, wie man sich unvermeidlich begegnet und dann nicht weiß, wohin mit dem Glas, dem Blick und dem Körper. 

Man muss doch um Versöhnung bemüht bleiben.

Muss man? Auch wenn jeder Schritt mahlt und knarzt über der höflichen Lüge?

 

Noch heute könnte ich beschließen, dir einen Gefallen zu tun:

ganz klein könnte ich mich machen, um mich sauber gefaltet in die von dir für mich vorgesehene Schublade quetschen zu lassen. 

Ich wäre unglücklich, und endlich hätten wir etwas gemeinsam. 

Etwas in mir flüstert, dass deine Missgunst bleiben würde.

Darum bleibe ich da, als ich selbst, voller Fehler. 

Bestrebt, meinen eigenen Platz in der Welt zu behaupten, um nicht meinerseits Splitter und Verletzungen weiterzugeben. 

Das ist mein großer Auftrag,

so nichtig er dir erscheinen mag.

Komm zu mir, wenn du erzählen willst, ehrlich und von dir selbst. Bis dahin:

 

ach, hass mich doch in Ruhe.

 



Murmel

9. Juni 2020

Heute war kein guter Tag. Aber Abends: das kleinste Kind hat eine blaue Murmel in Papier gewickelt, die Glitzerhandtasche geschultert und will in den Supermarkt. Es ist dringend. Ich brauche noch was, also los. Zwei Gläser Erbsen und eine Tüte Puffreis später zeigt sie auf eine Kassiererin, die ich nicht kenne. Als wir bei ihr angekommen sind, schiebt ihr eine kleine Hand die glänzende blaue Murmel hin. Die Frau hebt kurz den Kopf, beide nicken sich ernst und wortlos zu. Dann schiebt die Kassiererin eine große Rosenblüte zurück.

Wir gehen.

 

Heute war kein guter Tag,

aber etwas Hartes, zu Schnelles, dumpf im Kreis Stapfendes verschwindet aus mir.

Solange die kleinen Tauschgeschäfte funktionieren, sind die großen Sachen in Ordnung.

Oder?



Freundinnen

11. Juni 2020

In letzter Zeit betrete ich aus Versehen Fettnäpfchen und Schlipse, meistens dann, wenn ich etwas besonders gut machen wollte. Auf magische Weise misslingt fast alles! Mitten im Vollzeitmissgeschick hat mir eine Freundin, mit der ich aufgewachsen bin, vom Tod ihrer Mutter erzählt. Es traf mich wie ein Blitz, ich hätte sie so gerne gedrückt, aber sie wohnt weit weg. Also schrieb ich ihr einen Brief, im Auge der verwüsteten Küche. Und wo ich schon mal Platz gemacht hatte, auch noch einen an eine Freundin mit Geburtstag: um mich selbst aufzuheitern mit einem nackten Mann, der Unaussprechliches mit einer Sahnetorte vollzieht. Dann kam ein Kind auf meinen Schoß, das Telefon klingelte, die Katze verlangte nach Essen, etwas fiel um und machte Strumpfhosen nass. Geschrei.

Und so ist es passiert, dass ich die Adressen vertauscht habe. Den Trostbrief an die Freundin mit dem Geburtstag, den nackten Sahnemann an die Traurige. Am nächsten Tag schickte mir die Geburtstagsfreundin eine SMS mit dem Hinweis auf das offensichtliche Missgeschick. Ein zweiter Blitz des Entsetzens durchfuhr mich. Ich war mir sicher, die Freundin mit der gerade gestorbenen Mutter durch unverzeihliche Schussligkeit verloren zu haben. Gerade kam eine Nachricht von ihr:

Kann es sein, dass du Briefe vertauscht hast? Ich hab' gerade zum ersten Mal seit drei Wochen wieder gelacht. Meiner Mutter hätte dein Versehen so gut gefallen. Danke! Deine alte Freundin Y.

 

Das Leben macht oft nicht an den Stellen froh, wo man auf Freudigkeiten wartet. Zum Glück aber auch umgekehrt!