Meine schönsten Selbstgespräche


Ist das Kunst oder muss man's bezahlen?

In den Aufschrei geräuspert.

 

Die Pandemie und die Maßnahmen dagegen wüten zerstörerisch in der Welt der Kulturschaffenden, die sich zu allem Unheil kaum geschmeidig über einen Kamm scheren lassen. Ist der Typ, der sich Tinte ins Nasenloch zieht und damit über handgeschöpftes Papier fährt, eigentlich auch ein Künstler?

Was ist mit der Performancefrau und Ihrem Knochen-Xylophon vom libanesischen Tanzbüffel?

Dürfen sie Geld haben, wenn der Staat ein restliches zusammengekratzt hat auf der Lufthansa-Landebahn?

Sollte man sie nicht wenigstens ein bisschen darum betteln lassen?

Und warum haben diese Leute so unregelmäßige Einkünfte?

Warum in manchen Monaten viel, in anderen nichts?

Wovon leben sie in klammen Novembern, öden Januaren und zähen Aprilen?

Ach, sagen Sie jetzt nichts, wo ist das verdammte Stempelkarussell, bamm, da hast du's, bamm, oder auch nicht.

In Ministerien und Behörden schlägt man die sprenkellosen Hände über den Köpfen zusammen und schickt sich an, die Sache gründlich zu vermasseln, um sich später gramvoll über die zusammengesackte Branche zu beugen.

Kein Puls mehr, Mist, so schade.

Obendrein aber war die Stillegefahr schon vor Corona da.

Und wird auch danach wieder da sein. Es sei denn, wir hören auf, am Wert künstlerischer Arbeit zu zweifeln.

DA KANN MAN ABER PREISLICH SCHON NOCH WAS MACHEN, ODER?

Jede Texterin, jeder Stelzenläufer, jede Steinmetzin, jeder Maler, jede Grafikerin, jeder Redenschreiber, jeder Operntenor, jede Zeichnerin, jede Kabarettistin, jeder Schauspieler, jeder Nasenlochmann und jede Knochenxylophonfrau kennt diesen Satz.

Am Bäckertresen hört man ihn nie, im Zeitschriftenladen nicht, an der Supermarktkasse nicht, beim Metzger vorsichtshalber auch nicht. Der große Aufschrei dieser Zeit gilt der Politik, vielleicht wird es einen Protest geben, bei dem alle Kunst geschlossen mucksmäuschenstill hält. Das finde ich gut, sehr gut, und trotzdem, genau hinein in diese Stille:

ÄH-HRRR-HRRR-HRRRR-HMMMMMM, ÄHEM!

Meine kratzige Ode gegen das preisliche Schonnochwasmachenwollen. Wider das Geringfeilschen, wider das Süßreden, wieder die Idee, dass Kunst jeder Größenordnung ja doch nur ein Spaß ist.

Für gerechte Bezahlung und dringende Wiederaufnahmeproben in Sachen Selbstwirksamkeit.

 

Wer will, gibt 'nen Penny.


Sonntag

 

Schnauze voll davon, mich dafür zu entschuldigen, dass ich ganztägig Kinder mit mir führe. Und manchmal halbe Sätze abrupt in tröstende Worte zu Schürfwunden oder seitlich bepinkelten Sandalen übergehen. Schnauze voll von geschlossenen Familienausflügen, in die wir nicht 'reinpassen, weil unser Papa auch am Wochenende arbeitet und wir damit aus der Sonnenkäferordnung fallen.

Schnauze voll von Absagen in letzter Sekunde, Schnauze voll von "keine Zeit, aber frag doch in drei Wochen noch mal, eventuell entfällt mein Achtsamkeitsseminar.". Niemanden mehr bitten, nicht mehr verheißungsvoller sein müssen als die Wetter-App. Nicht mehr "ach, macht ja nix, war ja nur ne spontane Frage" lügen. Keine Käsebrötchen mehr geschmiert haben für andere, die dann doch nicht mitkommen, um vom selber essen zunehmend Hefezopfform anzunehmen. Mutterseelenallein sein, ohne sich aufzuerlegen, dass das unendlich traurig ist: und plötzlich gehört der Sonntag ganz allein uns, knisternd, prachtvoll und abenteuerlich.

Los!


Regenwürmer

 

Wenn es zu trocken wird, also, unerträglich trocken, bilden die Würmer ein Knäuel.

Eng umschlungene Gleichgesinnte, tief unten in der Erde, warten geduldig ab, bis das machtvolle Donnerwetter des Regens alles andere übertönt.

Das Hupen und Brüllen und Keuchen und Weinen.

Ein konzentriertes Häufchen Leben und Nähe, das warten kann, das vertraut, das nichts sein will außer es selbst,

eng verwoben zum Gegenteil von Einsamkeit.

Spürt einer den Herzschlag des anderen, da unten in der Dunkelheit?

Jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, wird mir wurm ums Herz.